
Darum geht’s: Die Prog-Rockoper erzählt von einer nicht all zu fernen Zukunft, in der die Menschen den Weltraum besiedelt und sich in einer Gesellschaft der Gleichen eingerichtet haben. Die Gleichheit wird dabei von einer Gruppe sogenannter “Priester” garantiert, die die Gesellschaft mittels moderner Computertechnik lenken. Ein junger Mann findet in einer Höhle ein lang vergessenes Instrument, eine Gitarre, und lernt, darauf seine eigene Musik zu machen. Doch in der Gesellschaft der Gleichen ist Kreativität und Eigeninitiative nicht willkommen.
Achtung: Mittelschwere Spoiler!
A: Das hier ist nicht so ein nur lose zusammenhängendes und abstraktes Album, sondern eine relativ eindeutige Geschichte, oder?
J: Ja, die Geschichte ist recht simpel. Ein egalitäres, aber auch totalitäres Gesellschaftsystem, und dann der Protagonist, der in einer Höhle eine alte Gitarre findet, spielen lernt und anfängt, diese Gesellschaft in Frage zu stellen.
A: Und das finden die Priester nicht so lustig. Die Kurzgeschichte, auf der das basiert, ist ja von Ayn Rand. Die habe ich allerdings nicht gelesen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der politische Kontext in der Kurzgeschichte noch deutlicher ist. Wobei es dem Song vielleicht auch ganz guttut, dass es hier nicht so eindeutig ist. Es gibt ja ein paar Rush-Songs, die sehr offensiv von Rand beeinfluss sind. Die sind heute schwer konsumierbar. Das hier hingegen funktioniert so als Mini-Rockoper echt wahnsinnig gut, und das Thema erscheint fast noch relevanter als in den 70ern. Damals gab es auch schon diese ganzen Diskussionen über künstliche Intelligenz, Kybernetik und Gleichschaltung durch Technik. Es bleibt ja sogar offen, ob es sich bei den Priestern überhaupt noch im klassischen Sinne um Menschen handelt.
J: Aber Anzeichen dafür, dass das Roboter sind, gibt es doch eigentlich nicht. Ich dachte, die Priester sind halt die Menschen, die die Computer und damit die Gesellschaft kontrollieren.
A: Genau, die Macht der Priester ist an die Computer gebunden. Die regieren im Sinne von Kybernetik, da sie mit der Technologie über das Leben herrschen.
J: Was ich bei alldem aus heutiger Sicht bemerkenswert finde, ist, dass hier die Idee einer Technikherrschaft so sehr mit dem Gleichheitsgedanken zusammengebracht wird. Die Priester haben diesen roten Stern des Kommunismus, während man heute davon spricht, dass durch die technische Revolution so eine Art neuer Feudalismus entsteht, in dem Sinne, dass einige große Firmen alle möglichen, für das gemeinsame Leben relevante Güter besitzen und die Menschen daran Teilhaberechte bekommen können, aber auch viel dafür geben müssen. Also nicht nur Geld, sondern halt auch Daten. So wie früher die Bauern dem Adel ja auch nicht nur Geld geben mussten, sondern auch Arbeitskraft. Diese Idee einer Verwirklichung des kommunistischen Traums durch Technik war vielleicht nur vor dem Aufstieg der großen Tech-Firmen möglich.
A: Es hat sich halt genau in die andere Richtung entwickelt. Das ist total spannend, weil im Grunde gerade die libertären Leute in den USA, die heute noch Ayn Rand lesen und toll finden, sie zur Legitimation ihres eigenen Geniekultes benutzen. Das ist das einzige kulturelle Kapital, das sie überhaupt haben. Aber dennoch sind sie diejenigen, die diese ganze Technik an sich gerissen und im Grunde das gemacht haben, was der Song auch anprangert in dieser Zeile: „So what about the average? What use have they for you?”Also diese Idee von “flooding the zone with shit”. Fake News und die immer egalere Massenunterhaltung, die die Leute ablenkt und Menschen in Abhängigkeitsverhältnisse bringt. Durch Technik werden vermeintlich alle gleich, aber das Schöpferische im Menschen stirbt dadurch ab.
J: Und die Gitarre steht für dieses Schöpferische im Menschen, aber auch für den Genie-Kult.
A: In anderen Songs aus der Ära ist dieser Individual- und Geniekult noch wesentlich stärker und unappetitlicher. Hier ist das mehr in die Science-Fiction-Handlung eingehegt. Eine dystopische Zukunft, losgelöst von tagesaktueller Politik. Aber trotzdem drängt sich diese Frage auch hier auf: Wer will schon sein wie gewöhnliche Menschen? Da hängt sicher auch die Band-Geschichte mit drin, weil Rush erstmal große Schwierigkeiten hatten, ihre teilweise sehr langen, etwas komplizierten und eigenwilligen Songs unterzubringen und in Kanada überhaupt einen Fuß in die Tür zu kriegen.
J: Das macht Sinn. Trotzdem führt die Art, wie die Gitarre hier in die Geschichte eingeführt wird, diese ganze Philosophie von Ayn Rand auch so ein bisschen ad absurdum, also diese Idee, dass man alles einfach aus sich selbst heraus schafft. Die Gitarre ist da, in dieser Höhle – kein Handwerker, der sie baut, kein Händler, der sie verkauft. Und dann lernt der Protagonist, damit zu spielen, ohne je einen Gitarristen gesehen oder Gitarrenmusik gehört zu haben. Auch wer autodidaktisch lernt, greift ja auf Vorbilder und kulturelle Wissensbestände zurück, die von anderen geschaffen wurden. Dieses völlig aus dem Nichts kommende Genie – das wirkt auf mich in etwa so real wie eine Märchenfee.
A: Ja, das passt aber natürlich ganz gut. Von Rand gibt es, glaube ich, auch fast nur Märchengeschichten. Meist über Männer, die sich für ihr Recht auf Selbstentfaltung aufopfern.
J: Bei der Adaption dieses Themas in ein Musikstück ist interessant, dass sich das Individuelle und das Gemeinschaftliche in der Musik eigentlich gut verbinden lassen. In einer Big Band oder einem Orchester hat jeder seine Stimme und trotzdem wird es ein harmonisches Ganzes. Somit könnte die Musik eine Versöhnung ermöglichen zwischen dem extremen Kollektivismus, den die Priester verkörpern und dem radikalen Individualismus des Protagonisten. Sie könnte ein Beispiel dafür sein, dass es kein so extremes Entweder-Oder sein muss, sondern dass es auch Wege geben kann, wie sich ein Individuum eingebettet in eine Gemeinschaft entfalten kann.
A: Es wäre auch Quatsch, die ganze Diskografie von Rush vor dem Hintergrund der Ideen von Ayn Rand zu lesen. Das kommt in den früheren Jahren stärker vor und danach immer weniger. Dennoch gibt es immer wieder so Songs, wo das unkontrollierbare Außen eine große Rolle spielt, wie in in Circumstances, wo ein Teenager versucht, erwachsen zu werden und klar zu kommen, und man hat das Gefühl, je mehr man ändert, desto mehr bleibt alles gleich. Das sind schon sehr starke Widersprüche in so einer Weltsicht, sobald man auf das wirkliche Leben zugeht mit so einer Idee. Sobald man anfängt, das in das reale Leben einzubetten, fällt das sehr schnell auseinander. Diese ganze Idee vom Objektivismus. In Kurzgeschichten hingegen funktioniert das sehr gut, da man viele Lücken mit eigener Fantasie füllen kann, und hier die Musik ja auch noch etwas beiträgt.
J: Ja, die Musik trägt viel bei – das macht natürlich auch deutlich, was in dieser von den Priestern kontrollierten Welt fehlt, wo Musik anscheinend nur noch verwahrt wird, aber von den Menschen gar nicht mehr gehört werden kann.
A: Ja, die Archivethik dahinter ist auch sehr interessant. Es gibt ja auch Archive – Filmarchive zum Beispiel – die überhaupt nichts von dem, was da liegt an die Öffentlichkeit lassen. Sie verwahren es quasi nur für die Menschheit, aber kein konkreter Mensch darf es sehen. Ähnlich absurd funktioniert es hier in den Tempeln scheinbar auch. Und das mit den Archiven war in den Siebzigern natürlich auch schon ein Thema. Aber heute, wo immer mehr den Firmen gehört und der Staat das Verwahren und Restaurieren kaum noch selbst finanziert, ist das noch mal interessanter. Und hier hat man statt der Firmen die sogenannten Tempel, die wirken wie riesige Rechenzentren.
J: Diese Priester steuern das vielleicht noch ein bisschen, aber sicher läuft im Hintergrund eine KI wie so ein Weltgedächtnis. Die Priester selbst scheinen immerhin Gitarrenmusik zu kennen, da es aus ihrer Sicht nichts Neues ist. Das ist vielleicht ihr Privileg, dass sie all das sehen und hören dürfen, was in diesen Tempeln verwahrt wird.
A: Schon interessant, dass das mit einer Art von Klerus verknüpft wird. Die Priester hier sind zumindest nicht konservativ in der Hinsicht, dass alles so bleiben muss, wie es immer war. Es gibt vielmehr einen Plan und sie arbeiten in die Zukunft hinein. Sie haben sogar schon Planeten besiedelt.
J: Ich dachte, das ist so eine Art Fünfjahresplan, wie früher im Kommunismus.
A: Das auch, natürlich. Aber der Kommunismus war ja eigentlich immer anti-religiös.
J: Ja, das stimmt. Aber auch in der buchstäblich erträumten Gegengesellschaft des Protagonisten gibt es keinen Gott. Da sind nur Menschen, die nach den Sternen greifen, die große Träume haben. Aber darüber hinaus erfährt man nicht, wie die Gesellschaft organisiert wäre. Was ist dann aber eigentlich sein Ideal?
A: Es geht ihm vielleicht mehr um so ein Gefühl statt um ein Gesellschaftsideal. Der Protagonist will nicht Teil dieser Masse sein, sondern hat das Gefühl, dass im Menschen ganz viel Potential steckt, das unterdrückt wird, da die individuelle Entfaltung in dieser Welt auf das Minimum reduziert ist. Vielleicht wie in Nordkorea.
J: Aber Nordkorea ist ein System, das sowieso einfach überhaupt nicht funktioniert. Und das scheint ja hier schon anders zu sein. Alles funktioniert, aber etwas fehlt in diesem Funktionieren.
A: Für Künstler funktioniert es halt nur in der Form, dass sie ihre Begabung in den Dienst des Staates stellen. In solchen Systemen müssen Künstler ja, wenn sie überhaupt noch arbeiten dürfen, Porträts von den Diktatoren malen oder Propaganda entwerfen, oder so.
J: Kunst hat keinen richtigen Platz in so einem System, zumindest keine Kunst um der Kunst willen. Aber auch in Antike und Mittelalter gab es das in der heute bekannten Form nicht. Das ist schon eine sehr bürgerliche Idee. Der Protagonist spricht und träumt ja hier von der sogenannten “Ancient Race”, aber das bezieht sich vermutlich nicht wirklich auf die Antike, denn damals war die Kunst auch in verschiedene Kulte eingespannt oder diente den jeweiligen Herrschern. Vereinzelt gab es vielleicht mal Künstler, die ganz unabhängig gearbeitet haben, aber das war weder die Norm noch ein angestrebtes Ideal.
A: Ich glaube, in dem Rush-Album Farewell to Kings geht es dann auch darum, wie man sich im Mittelalter dagegen auflehnt, dass das Handwerk die ganze Kunst quasi in sich vereinigt, aber man sich so gar nicht richtig künstlerisch natürlich ausdrücken kann.
J: Ein bisschen kann ich diese Idee schon nachvollziehen, dass es eine Art von Potenzial in jedem Menschen gibt, vielleicht sogar in jedem Lebewesen, das man entfalten möchte, und das nicht unterdrückt werden darf. Doch warum wird das als Gegensatz zum Engagement in und für die Gesellschaft gesehen? Warum dieses Ideal, dass jeder Mensch sein Potential möglichst allein verwirklicht? Das scheint mir für ein grundsätzlich soziales Lebenwesen fast ein bisschen unnatürlich zu sein. Gleichzeitig ist hier viel Naturmystik mit drin – der Wasserfall in der Höhle als einziger Begleiter. Im Gegensatz zu den Priestern, die bei ihren Computern sitzen und der Natur scheinbar entfremdet sind. Doch das Soziale in der eigenen Natur zu leugnen scheint mir die noch weit größere Entfremdung zu sein.
A: Du hast auch dieses Orakel, das im Traum des Protagonisten von der Elder Race spricht, die wiederkommen und ihren rechtmäßigen Platz einnehmen soll. Das ist schon eine Form von Gesellschaft, die wieder aufleben soll. Es geht wohl darum, sich wieder verbunden zu fühlen, in einer Gesellschaft von Künstlern, die sich gegenseitig achten und zu Hohem streben.
J: Wie so eine Künstlerkommune, vielleicht. Trotzdem verstehe ich nicht, warum diese Idee, das eigene Potential auszuschöpfen, so gegen den Gleichkeitsgedanken stehen muss. Bei Marx hat man ja auch diese Idee, dass die Arbeiter im Kapitalismus gar keine Gelegenheit haben, ihr Potenzial auszuschöpfen, aber in einer mehr auf Gleichheit basierenden Gesellschaft Gelegenheiten dazu bekommen könnten. Das Ideal wäre dann, dass man morgens in der Fabrik steht und abends Gedichte schreibt. Klar, in der praktischen Umsetzung ist das nie so wirklich gelungen, aber das lag vielleicht auch daran, dass die kommunistischen Gesellschaften immer in der Diktatur stecken geblieben sind, und Diktatoren aller ideologischer Ausrichtungen eine freie Kunst allein schon aufgrund ihres subversiven Potentials nicht mögen. Das hat nicht per se etwas mit dem Gleichheitsgedanken zu tun. Das hat man in super hierarchischen Gesellschaften wie in klassischen Monarchien genauso.
A: : Oftmals wendet sich diese libertäre Kritik ja auch gar nicht an an kommunistische Gesellschaften, sondern an Demokratien. Da wird dann einfach die Regulierung der Gesellschaft durch Politik als eine Art von Gleichschaltung betrachtet.
J: Aber wo nehmen die demokratischen Staaten jemand im übertragenen Sinne die Gitarre weg? Irgendwie scheint mir der Gedanke dahinter zu sein, dass man das eigene Genie nur ausleben kann, wenn andere das nicht können. Aber warum sollte das so sein?
A: Zumindest in dieser Hardliner-Position von Ayn Rand geht es schon sehr darum, dass du auch gesehen werden musst als das Genie, das du bist, und anerkannt werden und erfolgreich sein musst. Wenn du bei entsprechendem Talent genug Arbeit und Leidenschaft reinsteckst, dann musst du dadurch auch groß werden. Sonst stimmt irgendetwas nicht.
J: Wer nach Achtung oder Ehre strebt, ist doch derjenige, der sich am allermeisten von anderen Menschen abhängig macht. Wie passt das zu dem Ideal das autonomen Genies?
A: Genau. Und im Grunde bis du dann auch Teil dieses kapitalistischen Systems, wenn du in diesen Bahnen denkst.
J: Ich frage mich auch, wo überhaupt der Maßstab für Qualität herkommt. Es genügt ja nicht, einfach nur zu sagen: “Ich bin ein Genie, und alle müssen jetzt gut finden, was ich mache.” Entweder gibt es objektive Maßstäbe, aber die müssten sich dann auch irgendwo von herleiten lassen. Oder es gibt nur subjektiven Geschmack, aber dann kann man mangelnde Anerkennung eigentlich niemanden zum Vorwurf machen. Dann müsste man doch sagen: “Wenn ich Musik mache, die keiner hören will, dann ist sie vielleicht einfach nicht so genial, wie ich denke.”
A: Ich bezweifle halt schon, ob es so etwas wie Genies überhaupt gibt. Zweifelsohne gibt es aber extrem begnadete Künstler, die damit möglicherweise auf Rahmenbedingungen treffen, wo sie maximale Sendungsmöglichkeit bekommen, und deswegen so stark rezipiert werden, dass sie wie jetzt Taylor Swift zu einer Figur werden, die von gefühlt allen irgendwie angebetet wird. Das passiert heute immer seltener. Selbst die großen Popmusikerinnen haben mittlerweile ihre Nische und werden nicht von allen gehört. Auch wenn das natürlich relativ große Nischen sind.
J: Ja, das gibt es natürlich. Dennoch ist für mich der Gedanke schon ziemlich schräg, dass einem die Gesellschaft die Anerkennung als Genie schuldet, nur weil man irgendein Potential verwirklicht.
A: Ja, vor allem, weil das oft auch stark mit dieser Philosophie verbunden wird, dass man selbst der Einzige ist, dem man etwas schuldet. Aber wenn das für alle Menschen gilt, dann kann einem auch niemand etwas schulden.
J: Ja, wenn das Ideal die völlige Vereinzelung ist, was sollten einem die anderen dann schulden? Das ist anders bei Kunst, die direkt zu einem bestimmten Nutzen für die Gesellschaft geschaffen wird. Früher konnte ein Künstler vielleicht sagen: “Wir alle können unsere Riten besser leben und an die nächste Generation vermitteln, wenn ich hier dieses tolle Bild für die Kirchendecke schaffe. Deshalb schuldet ihr mir Lohn und Anerkennung dafür.” Aber das setzt natürlich erst mal einen Rahmen voraus, den alle oder zumindest die meisten akzeptieren. Wenn alle anderen sagen: “Diese Kirche und diese Riten sind uns völlig gleichgültig”, dann sehe ich nicht, wie sich ein “Ihr schuldet mir Anerkennung” begründen lassen sollte.
A: Ja, diese Idee halt, dass tatsächlich alles, was man als Mensch aus sich selbst heraus schaffen und wahrnehmen kann, einer gefühllosen, objektiven Welt verpflichtet ist, die gar keine Gesellschaft braucht. Gesellschaft kommt erst danach.
J: Aber woher sollen diese objektiven Gesetze stammen? Und wie erkennt man die? Darin scheint fast schon etwas Metaphysisches zu stecken. Aber warum nimmt man die Metaphysik dann nicht direkt als Maßstab und ist zufrieden, wenn man ihr genügen kann? Wozu dieser Umweg über die Anerkennung als Genie?
A: Keine Ahnung, woher diese objektiven Gesetze kommen. Von etwas Göttlichem anscheinend nicht.
J: Konkret hier im Lied frage ich mich das vor allem in Bezug auf die Gitarre. Woher weiß der Protagonist überhaupt, was gute Gitarrenmusik ist, wenn er noch nie zuvor welche gehört hat, vielleicht mit Musik an sich überhaupt nicht vertraut ist? Vielleicht klingt das, was er spielt, für andere wirklich ganz scheußlich. Und vielleicht wissen das die Priester, die ja als einzige einen Zugang zu alten Musikaufnahmen haben und deshalb Vergleiche anstellen können.
A: Auch eine interessante Auslegung. Das ist ja sowieso alles ganz internalisiert, auch mit dem Traum und allem.
J: Wenn ich selber mein einziger Maßstab bin, dann gibt es überhaupt nichts mehr, um das zu verifizieren. Dann kann ich auch eine Luftballon-Hantel hochhalten und rufen: “Ich bin super stark”.
A: Ja, das ist eigentlich fast schon eine parodistische Sicht auf die libertäre Weltsicht. Diese Sachen werden immer goutierbarer in dem Maße, wie absurder sie werden. Dann merkt man, wie widersprüchlich und brüchig das alles ist, wenn das so überspitzt formuliert wird. Ähnlich wie bei so einem Film wie Death Wish III (Winner, USA 1985), wo dieses reaktionäre Klima der Reagan-Ära als ein riesiges, verrücktes Comicbuch aufbereitet und dadurch völlig dekonstruiert wird. Und Rush haben dann so ein Lied wie ‘The Trees’ auf Hemispheres (1978).
J: Um was geht es da?
A: Die Grundidee dieser Geschichte ist, dass man einen Wald mit unterschiedlich hierarchisierten Bäumen hat. Die Ahornbäume sind größer als die Eichen, und die beschweren sich dann, dass die größeren Bäume ihnen die ganze Sonne wegnehmen. Und die Ahornbäume sagen: “Wieso? Wir sind halt so gewachsen.” Am Ende ist dann die Lösung, dass Leute mit Äxten kommen und alle Bäume auf die gleiche Höhe zusammenhacken. Also auch hier schon wieder diese Idee, dass in der Gleichschaltung oder dem Gleichmachen der Tod liegt.
J: Aber stimmt es nicht, dass Bäume, die kein Licht bekommen, irgendwann eingehen, wenn man da nicht als Förster drangeht und denen ein bisschen Sonne verschafft?
A: Das kann man dann natürlich wieder als staatliche Regulierung sehen.
J: Oder einfach als geschicktes Gärtnern. Ich sehe da kein Unrecht drin, unsere Hecke ein bisschen zu stutzen, damit die Blumen auch Licht haben.
A: Aber in so einem freien Wald, der nicht von Menschen verwaltet wird, muss das irgendwie eine Waage finden. Und da leben dann ja schon auch Bäume in verschiedenen Größen.
J: Da gibt es dann ja auch so eine Art Wett-Wachsen hin zum Licht. Und gleichzeitig auch Pflanzen, die sich an ein Leben im Schatten angepasst haben und dort ihre besondere Nische ausfüllen.
A: Aber daraus dann so eine Fabel zu machen, finde ich schon wieder etwas albern, mit dieser Prämisse, dasss es Bäume gibt, die einfach ein bisschen exzeptioneller sind als andere Bäume.
J: Jedenfalls passt das Grundthema gut in gegenwärtige Debatten, da es heute noch Linke und Rechte trennt, dass Linke Gleichheit eher als Ideal sehen, und Konservative Versuche, Hierarchien einzuebbnen, eher als Bedrohung empfinden, da sie Hierarchien als gut und natürlich betrachten. Diese Hierarchien bei Ayn Rand und in diesem Rush-Song haben aber nicht dieses Sexistische und Rassistische, was bei den rechtspopulistischen Parteien oft im Zentrum steht. Dafür ist es zu individualistisch. Aber ein verbindendes Element ist eben doch die Befürwortung von Hierarchien.
A: Und ihnen Gemeinsam ist auch die Idee, dass schwache Menschen an ihrem Unglück irgendwie selbst schuld sind. Das hat man heute selbst in Mainstream-Parteien.
J: Obwohl das ja eigentlich der Idee natürlicher Hierarchien widerspricht. Wenn eine Hierarchie natürlich ist, kann ich ja nicht schuld daran sein, wenn ich ganz unten stehe. Oft ist es eher die Idee einer festgefügten Ordnung, wie im Mittelalter: Der Bauer ist halt Bauer, und der Graf ist Graf. Der Bauer ist nicht unbedingt schuld daran, dass er “nur” Bauer ist, aber er würde sich schuldig machen, wenn er die Hierarchie in Frage stellen würde.
A: Da gibt es aber schon diese Polarisierung, bei der auf der einen Seite der liberale Gedanke steht, dass es ein unterstützendes System braucht und dass man Menschen, die schlechter gestellt sind, helfen muss. Und auf der anderen Seite eben dieser Vorwurf des Bettelns und Entschuldigens, der sehr stark im rechten Spektrum verankert ist.
J: Was meinst du mit “betteln und entschuldigen”?
A: In den USA wird für Liberale ja auch dieser ‘Bleeding-Heart’-Terminus benutzt. Dahinter steht der Vorwurf, dass man alles entschuldigen möchte – einschließlich Verbrechen – indem man es auf soziale Benachteiligung zurückführt. Und dazu die Idee, dass die Menschen, die weiter unten in der Hierarchie stehen, sich irgendwie durchbetteln. Stattdessen sollen sie sich getreu der amerikanischen Mentalität einfach irgendwie aufraffen, weitermachen und erfolgreich werden.
J: Aber das würde dann ja auch auf eine Art Gleichheit rauslaufen. Das ist doch etwas inkonsequent.
A: Stimmt, im Grunde kann dann jeder ungeachtet seines sozialen Umfeldes oder seiner Geschichte die Möglichkeit erlangen, eine objektiv brilliante Leistung zu erbringen.
J: Genau, und dann hätte man Gleichheit in einer Welt voller Genies. Das wäre dann doch fast wieder eine kommunistische, linke Utopie. Das klassische, rechte Denken würde vermutlich bestreiten, dass sich eine solche Gleichheit herstellen lässt, da sie von einem unterschiedlichen Potential ausgehen. Aber wenn das Potential bereits ungleich sein sollte, dann ließe sich ja eigentlich nicht mehr von Schuld sprechen.
A: Ja, aber ich glaube, dieser radikale Individualismus will sich halt gar nicht um andere Menschen kümmern, mit denen man nichts zu tun hat. Es gibt da einfach nicht dieses Konzept von Community. Es ist aber schon spannend, dass das libertäre Denken viele rechte Komponenten beinhaltet, aber eben auch Linke. Man kann sogar wieder bei einer kommunistischen Utopie rauskommen, einem Land der Dichter und Denker.
J: Gut, klar. Und das Libertäre deckt ja auch nicht das gesamte rechte Spektrum ab. Viele rechte Philosophien sind gar nicht libertär. Das ist ja schon noch mal was Besonderes, dieses Libertäre.
A: Das Ganze hat in 2112 auch etwas Existentialistisches, irgendwie. Das ist eine sehr einsame Tätigkeit hier, dieses Gitarre-Spielen. Und der Protagonist fühlt sich diesem Artefakt gleich sehr verbunden. Das ist eine intensive Mischung von Organismus und Technik.
J: Vielleicht geht er auch deshalb so eine starke Objektbindung ein, weil er Schwierigkeiten hat, mit den Menschen in dieser Gesellschaft in Kontakt zu treten.
A: Im Sinne der Medienwissenschaft wäre das halt auch eine Art von Prothese.
J: Aber interessant ist ja, dass dieser Protagonist, dieses angeblich so unabhängige Genie, sich sehr abhängig macht von einem Artefakt, das er nicht mal selber herstellen kann. Spätestens wenn beim Spielen mal eine Saite reißen würde, wäre er völlig aufgeschmissen.
A: Das ist ja schon ein Wunder, dass überhaupt noch alle Saiten drauf sind.
J: Und die dann auch noch alle zufällig richtig gestimmt sind.
A: Und den Rest hat er dann wohl allein durch natürliche Begabung geschafft. Also angeblich haben sich ja einige berühmte Komponisten auch als Kind ans Klavier gesetzt und wussten sofort, wie das geht.
J: Aber die haben bestimmt vorher schon mal Klaviermusik gehört und schon mal ihre Eltern oder Gäste im Haus spielen sehen. Es braucht natürlich trotzdem eine wahnsinnige Begabung, das nur vom Zuschauen einfach so nachmachen zu können. Aber der Protagonist hier ist ja so eine Art musikalischer Kaspar Hauser, der plötzlich mit der Gitarre konfrontiert ist. Das ist doch noch mal wesentlich unrealistischer.
A: Aber trotzdem ist es ganz interessant, wie dieses große Narrativ von diesem Pfad der Menschheit damals schon in Zwischenschritten auf diese Idee zuflief, dass es letztendlich völlig im Virtuellen aufgeht, oder im reinen Datensatz, als Endpunkt quasi, wo alles Organische und Körperliche nicht mehr so relevant ist. Und dann entdeckt der Protagonist über dieses hölzerne Instrument vielleicht auch ein stückweit seine Körperlichkeit wieder.
J: Ja, in der heutigen Dystopie wäre es wahrscheinlich einfach so, dass der Protagonist diesen Priestern seine Musik vorführt, und dann zeigen die, dass die KI das viel besser kann, auch ohne Gitarre.
A: Genau, das ist es nämlich, worauf das eigentlich hinausläuft. Einerseits ist das tatsächliche Feinbild eigentlich eher das, auf dessen Seite man sich ursprünglich vielleicht wähnte, also das Gegenteil von staatlicher Regulierung. Und dann ist aber nicht das Problem, dass die synthetische Musik so anspruchslos ist, dass es die Leute einfach zu Tode amüsiert oder zur Passivität führt, sondern dass es die Form annimmt, dass Leute das nicht mehr unterscheiden können.
J: Ja, genau, die echte Gefahr für den Gitarristen im Zeiten der KI besteht vermutlich gar nicht so sehr darin, unerwünscht zu sein, sondern überflüssig zu sein.
A: Und natürlich könnte man immer noch sagen, dass diese allgemeine Anspruchslosigkeit natürlich auch dazu beiträgt, dass es der KI so leicht fällt, das zu simulieren. Sei es nun Musik oder Unterhaltungsserien, dass das halt alles auf so einem Level angesiedelt ist, dass perfekt für die Simulation ist, dass die Menschheit sich im Grunde freiwillig in diesen Simulationsraum begibt.
